Situation im BS-Land 1945

Der von Deutschland entfesselte Krieg kehrte wie bekannt bald auch an seinen Ursprung zurück. Davon war das Leben in der Gemeinde von Althaus ebenso geprägt wie von der Abwesenheit der Kriegsdienstleistenden. Die Zerstörung Braunschweigs ist inzwischen mit all ihren Schrecken gut dokumentiert. Von Timmerlah aus konnte man im Oktober 1944 den Feuersturm der brennenden Stadt sehen. In der unmittelbaren Nähe Timmerlahs existierten v.a. zwei für die alliierten Luftangriffe interessante Ziele. Das eine war das während des Krieges gebaute Eisenbahndreieck, das ebenso wie der Stichkanal die

Hermann-Göring-Werke an das Verkehrsnetz anschloss. Das andere war der Flugplatz Broitzem, der im Zuge der Aufrüstung 1934 der Luftwaffe für eine Aufklärungsfliegerschule überlassen worden war. Um ihn vor Bombardements zu schützen, legte man mittels Beleuchtungsanlagen Scheinflugplätze im

Timmerlaher Busch und auf der Heide nordwestlich von Groß-Gleidingen1 an, die Angriffe von Broitzem ablenken sollten. Noch heute vermittelt ein

Spaziergang durch den Wald einen Eindruck davon, wie erfolgreich diese

Taktik war: Der Boden ist von Bombenkratern übersät. Am 30. Januar 1944 kam es zu einem Luftangriff auf die Nachbardörfer Groß-Gleidingen und

Geitelde, dem 28 Geitelder zum Opfer fielen2. Timmerlah erlitt am 23. Mai 1944 einen folgenreichen Luftangriff3. Aber auch ohne direkte ‘Feindeinwirkung‘ waren infolge des Krieges Menschenleben zu beklagen. Am 28. Februar 1944 kam es bei Gleidingen zu einem Zugunglück, bei dem 13 Passagiere des Fronturlauberzuges von Brest-Litowsk nach Maastricht starben4.

Das Ende kam für Braunschweig nicht überraschend. Die amerikanische Armee rückte Anfang Februar 1945 von Süden und Westen her immer weiter Richtung Berlin vor5. Am späten Nachmittag des zehnten April erreichten erste Einheiten den damals neuen Salzgitter-Stichkanal bei Denstorf. Dort hatten

Sprengkommandos die Brücken in die Luft gejagt, während etwa die Gleidinger Panzersperren bauen mußten6. An der Wedtlenstedter Schleuse kam es zu einem Treffen zwischen dem Braunschweiger Stadtkommandanten, Generalleutnant Veith, und dem amerikanischen Generalmajor Hobbs, der die Übergabe der Stadt forderte. Die Gespräche endeten aber ergebnislos, da der deutsche Offizier vor der Übergabe seine Truppen aus der Stadt abziehen wollte. Am gleichen Abend versuchten die Amerikaner noch vergeblich, über den Kanal zu setzen. Am nächsten Morgen allerdings trafen sie kaum noch auf Widerstand. Am Mittwoch dem 11. April besetzten sie die westlichen Vororte Braunschweigs und begannen mit einer intensiven Beschießung der Stadt. An diesem Tag dürfte auch Timmerlah von der US-Armee besetzt bzw. durchquert worden sein. Am 12. April 1945 zogen amerikanische Truppen in die Stadt ein, und damit war die Zeit des „Tausendjährigen Reiches“ hier abgelaufen.

Auch für die Braunschweiger begann nun eine Zeit neuer großer Ungewißheiten, wobei die Alltagssorgen meist Gedanken an die politische Zukunft überlagerten. Der Wechsel von der amerikanischen zur britischen Besatzungsmacht im Frühsommer 1945 war dabei ebenfalls eher nebensächlich. Neben Kriegszerstörungen und Angst um Verwandte und Freunde, von denen es oft keine Nachricht gab, war es bald der Mangel an Lebensmitteln und den grundlegendsten Waren, der das Leben dominierte. Dazu kamen weitere Probleme, die als direkte Folge der nationalsozialistischen Politik den Alltag beeinflußten.

Gerade im Braunschweiger Land gab es aufgrund der Industrieansiedlungspolitik des Dritten Reichs eine große Zahl verschleppter Zwangsarbeiter und Häftlinge, die von den Amerikanern befreit worden waren. In der Fliegerkaserne Broitzem, wo viele der durch den von Nazideutschland entfesselten Krieg entwurzelten und besitzlosen Menschen, hier v.a. Polen, untergebracht waren, warteten viele auf ihre Heimkehr.

Auch in unmittelbarer Nachbarschaft Timmerlahs hatte es Lager für Zwangsarbeiter gegeben, die den Stichkanal zu den Reichswerken Hermann Göring bauen mußten. Dort hatten die Reichswerke im späteren Salzgitter ein gigantisches Lagersystem aufgebaut. In Wedtlenstedt betrieb die Baufirma Polensky & Zöllner ein Barackenlager für ca. 240 polnische, tschechische und italienische Zwangsarbeiter. In Groß-Gleidingen waren 356 Personen in einem Lager der gleichen Firma untergebracht, und in Stiddien waren es 78 Menschen. Ihr Leben war der deutschen Rüstungsmaschinerie untergeordnet, die Lebensbedingungen sehr hart. Am Kanal bei Groß-Gleidingen waren am 3. April 1944 die Russen Konstantin Gontscharow und Pawel Krawtschenko „auf der Flucht erschossen“ worden7.

In Vechelde befand sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, wo die Häftlinge in der Produktion für Büssing arbeiten mußten - und oft genug ihr Leben dabei ließen. Weitere Lager befanden sich in Braunschweig8. Darüber hinaus waren in Timmerlah selbst wie überall im Dritten Reich polnische Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft eingesetzt, so Gertruda Laskowska, die auf dem Hof des Landwirts Schulte arbeitete9.

Angesichts ihrer Not nahmen sich nach der deutschen Niederlage viele Displaced Persons (D.P.s) und Flüchtlinge, was sie dringend brauchten - wie übrigens viele Einheimische auch. So wurden Teile des Timmerlaher Buschs im extrem kalten „Kohlrüben“-Winter 1945/46 abgeholzt, um Brennholz zu haben. Der Bedarf an Kohlen konnte in dieser Zeit gerade zu einem guten Drittel gedeckt werden, Privathaushalte blieben auf Holz angewiesen10. In dieser schweren Zeit kam es darüber hinaus häufig vor, daß sich Menschen im Angesicht des relativen Wohlstands um sich herum aus Gärten und auch Häusern v.a. Lebensmittel „besorgten“11. Den Polen, eben noch als minderwertige „Ostarbeiter“ behandelt, wurde hierbei ein großer Teil der Diebstähle zur Last gelegt. Diese Vorwürfe waren auch nicht ganz aus der Luft gegriffen, aber unter Berücksichtigung ihrer Leiden und ihrer besonderen Notsituation erscheinen solche Diebstähle nachvollziehbar. Während der direkten Nachkriegszeit war zudem vor allem im Umkreis großer Städte die Diebstahlsrate enorm hoch, ganz einfach weil die Städter viel mehr an Hunger und Kälte litten als die Landbewohner, die der Krieg relativ verschont hatte und die selber Lebensmittel produzierten.

Dabei war die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft mit dem Vorkriegsstand nicht zu vergleichen. Das lag daran, daß viele Bauern und Landarbeiter gefallen

oder noch länger in Gefangenschaft waren. Im Sommer 1948 waren dies aus Stadt- und Landkreis Braunschweig immerhin noch 600 Männer aus dem Agrarsektor12. Dazu kam der Mangel an Dünger, Maschinen und Saatgut, was teilweise daran lag, daß die Zonengrenze das Braunschweiger Land von seinen traditionellen Handelspartnern im heutigen Sachsen-Anhalt abgeschnitten hatte. Auch das ungünstige Wetter v.a. 1947 spielte eine Rolle. So verschärfte sich die Ernährungslage in den ersten Nachkriegsjahren dramatisch. Die Ernährung der Bevölkerung hat sich also nicht nur mengenmäßig sondern auch wertmäßig ganz wesentlich verschlechtert. Die zugeteilten Lebensmittel befriedigten für weitere Bevölkerungskreise nur die Hälfte des Bedarfs, in einigen Monaten sogar nur ein Drittel. 13

Ein weiterer Faktor, der oft vergessen wird, belastete den Alltag in den Dörfern der Region. Bis zum 1. Dezember 1947

war die Zahl der in Braunschweig ansässigen Flüchtlingen und Gleichgestellten gegenüber dem Jahresende 1946 noch einmal um knapp 6.000 auf 35.682 gestiegen. Damit machten die Flüchtlinge weiterhin ein gutes Sechstel der Stadtbevölkerung aus, während im Landkreis Braunschweig mit 33.299 Flüchtlingen gegenüber 37.604 Einheimischen das Verhältnis fast ausgeglichen war. Dieses Stadt-Land-Gefälle ist als durchaus normal anzusehen und durch die wesentlich stärkere Wohnraumzerstörung in den Städten – wie auch hier in Braunschweig – leicht erklärlich.14

Die Belastung, die dies – einmal abgesehen von der prekären sozialen und psychischen Lage der Flüchtlinge – auch für die Einheimischen bedeutete, ist heute schwer vorstellbar. Obwohl sie anders als viele Ostdeutsche das Glück hatten, auf ihrer Scholle bleiben zu können, fanden sie sich auf einmal in einer dörflichen Gesellschaft wieder, wo viele, oft genug die Mehrheit15, nicht mehr aus dem heimischen Ostfalen, sondern aus Ostpreußen, Schlesien oder der sowjetischen Besatzungszone kamen. In Timmerlah lebten 1950 1003 Einwohner (1939: 600), davon 295 Flüchtlinge aus dem Osten sowie 91 Ausgebombte, die teils aus fünf zerstörten Häusern im Dorf, teils aus der Stadt waren16. Niemeyer verweist darauf, „daß die Dorfgemeinschaft auf stärkeren sozialen Bindungen beruht als die Stadtgesellschaft, daß es dementsprechend schwieriger war, in dieses Bindungsgeflecht einzudringen und aufgenommen zu werden17. Mewes vermerkt in seiner Bestandsaufnahme von 1948, daß trotz der vielen Flüchtlinge der Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften kaum gemildert wurde, da viele der Geflohenen und Vertriebenen „häufig die Landarbeit nicht kennen und sie nicht gewohnt sind18.

1 Heike-Cramm, H.: Blick in die Vergangenheit eines Dorfes - Ernstes und Heiteres aus Groß-Gleidin­gen. Groß-Gleidingen 21992, S. 32. Am Rand von Timmerlaher Busch und Broitzemer Holz steht noch ein ehemals zum Militärkomplex gehöriges Wohnhaus, und im Wald sind Reste des zum Flugplatz gehörigen Standortschießplatz samt Bunkerruine zu sehen. Hans-Jürgen Schütte berichtet von umliegenden Flak-Ständen, aus denen die Amerikaner nach Kriegsende alle Munitionsreste in die Sandgrube am Timmerlaher Busch gebracht und dort gesprengt hätten (in: Tim­merlah, ein Dorf bei Braunschweig. Eine Arbeit des 5. und 6. Schuljahrs der Volks­schule Timmerlah. Handschrift 1951, S. 41, in den Unterlagen der Grundschule Timmerlah).

2 Heike-Cramm, Groß-Gleidingen..., S. 32.

3 Durch einen Volltreffer auf sein Haus in der Timmerlahstraße verlor der Bäcker Stru­be seine Frau und seine Kinder. Daneben gab es v.a. in der Kirchstraße Sachschaden, u.a. an Kirche und Pfarrhaus, die Pfarrscheune wurde zerstört, ebenso die Windmühle.

4 Heike-Cramm, Groß-Gleidingen..., S. 34.

5 Hannover war am 10.4. von der US-Armee besetzt worden, bereits am 13. folgte Magdeburg. Nach Krause, K.J.: Braunschweig zwischen Krieg und Frieden. Die Ereignisse vor und nach der Kapitulation der Stadt am 12. April 1945. Braunschweig 1994.

6 Heike-Cramm, Groß-Gleidingen..., S. 36.

7 Pi­sche, G.: „Europa arbeitet bei den Reichswerken“: Das nationalsozialistische Lagersystem in Salzgitter. (Salzgitter-Forschun­gen 2) Salzgitter 1995, S. 61, 260, 362. Bei Liedke, K.: Gesichter der Zwangsarbeit. Polen in Braunschweig 1939 – 1945. Braunschweig 1997, S. 99, beschreiben zwei ehemalige Lagerinsassen die Zustände in Wedtlenstedt (dort S. 100 Abb. einer zeitgenössischen Postkarte des Lagers mit der Aufschrift „Gruß aus Wedtlenstedt“). Polensky & Zöllner waren nach Kriegsende u.a. am Umbau der Querumer Kaserne zu Wohnzwecken beteiligt (Niemeyer, T.: Flüchtlinge in der Stadt Braunschweig 1945 – 1948. (Kom­mu­nal­poli­tische Schriften der Stadt Braunschweig 31) Braunschweig 1989, S. 314ff.).

8 Zu den Lagern Vechelde und Braunschweig-Schillstraße s. Richter, A.: Das Unterkommando Vechelde des Konzentrationslagers Neuengamme. Vechelde 1985; Vö­gel, B.: Denkstätte Schillstraße. Materialien für Schule und Bildungsarbeit. (Jugendring Braun­schweig Materialien 3) Braunschweig 1998; wohl auch Wysocki, G.: Gedenken für die Verfolgten von Terror und Zwangsarbeit der nationalsozialistischen Herr­schaft im Lande Braunschweig. Braunschweig (Bd. 2: 1995).

9 Frau Laskowska wandte sich 1993 aus Polen wegen einer Bestätigung dieser Zeit für ihre Rente an die - nicht mehr existierende - Gemeinde Timmerlah, ihr konnte mit Hilfe von Timmerlaher Zeitzeugen schließlich geholfen werden.

10 Bein/Vogel, Nachkriegszeit..., S. 61f.; vgl. Mewes, B.: Die Lebensverhältnisse in Braunschweig nach dem Kriege. (Kommunalpo­li­tische Schriften der Stadt Braunschweig Heft 3) Braunschweig, Oktober 1948, S. 21 und 24.

11 LABS Akte „Fall Althaus“ Bd. 8.

12 Mewes, Die Lebensverhältnisse..., S. 18.

13 Mewes ging von einem Mindest-Tagesbedarf von 2400 Kalorien aus, um einen nicht körperlich schwer ar­beitenden Menschen voll leistungsfähig zu erhalten (Die Lebensverhältnisse..., S. 17, vgl. auch S. 15).

14 Niemeyer, Flüchtlinge..., S. 39; vgl. Mewes, Die Lebensverhältnisse..., S. 9; Bein, Nachkriegszeit..., Kap. 6: Flücht­linge (S. 210-267).

15 Vgl. Karte der Verteilung der Flüchtlinge auf die Kreise der Westzonen (Anhang).

16 Zahlen nach Margrit Horn, in: Timmerlah, ein Dorf bei Braunschweig..., S. 18f., s.a. Anhang.

17 Niemeyer, Flüchtlinge..., S. 285. Er verweist aber auch darauf, daß infolge der gro­­ßen Industrialisierungsprojekte schon viele Zwangs- und Gastarbeiter in der Re­gion waren: „Fremde war man demnach in dieser Region bereits gewohnt. Die Eingliederung der Ostdeutschen nach 1945 hatte ihre Parallele vor 1939“.

18 Mewes, Die Lebensverhältnisse..., S. 9.